| Kirchengemeinde Drespe

Andacht / Predigt


Hosianna“ und „Kreuzige ihn!“

 

Für Trainer im Profifußball gehört es zum Geschäft. In der Saison, in der sie mit dem Verein den langersehnten Aufstieg schaffen, sind sie für die Fans eine Art Retter und Messias. Von allen Seiten Schulterklopfen und Begeisterung – Hosianna eben. Verliert der Verein in der Saison darauf Spiel um Spiel, wird aus dem Hosianna ganz schnell „Kreuzige ihn“. Denn, einer muss ja die Verantwortung übernehmen, einer muss seinen Kopf hinhalten, einer muss schuld sein. Die Profitrainer wissen um die Launen und Wechselhaftigkeiten der Fans. Vielleicht sind ihre Gagen ja deshalb so hoch, weil ein Teil davon „Schmerzensgeld“ für gerade diese Fälle ist.

Wie schnell ändert sich die öffentliche Meinung! Nicht nur im Sport lassen sich Menschenmassen leicht von einem Extrem ins andere treiben! Wie wenig braucht es, um Menschen so zu manipulieren, dass aus dem „Hosianna“ von gestern ein „Kreuzige ihn“ heute wird.

Im Frühjahr und Sommer 2015 erlebte die Welt ein Deutschland, dass niemand für möglich gehalten hätte. Eine Welle von Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Einsatz für die Menschen, die aus den Kriegsgebieten Syriens, Afghanistans, des Irak, Eritreas und aus einigen Balkanstaaten zu uns kamen, durchflutete unser Land. Zu Anfang, für kurze Zeit, standen manchmal mehr Helfende und Hilfsangebote zur Verfügung als Hilfsbedürftige kamen. Die lebensbedrohliche Flucht vor dem Krieg ließ keinen kalt und abweisend, so war zumindest die öffentliche Wahrnehmung. Und ich selber war dankbar für die Entscheidung unserer Regierung, das Asylrecht hoch und wert zu achten, auch wenn es unserem Gemeinwohl hohe Kosten bereitet. Dann kam die Sylvesternacht  2015/16 mit den kriminellen Übergriffen von Asylbewerbern in einigen großen Städten unseres Landes.  Nicht nur gute, höfliche und dankbare  Menschen fliehen vor Krieg, Terror, Gewalt und Armut. Das wurde mit einem Schlag deutlich. Und dann konnte man Tag für Tag sehen, wie die öffentliche Wahrnehmung und Meinung sich änderte. Nicht nur sachliche Forderungen nach notwendigen Korrekturen in der Asylpolitik wurden laut, sondern auch nach Einschränkung des Asylrechtes, Obergrenzen, härteren Gesetzen, Schließung der Grenzen bis hin zu der Einlassung der „rechten Brandstifter“, dass Polizisten unter Umständen auch an den Grenzen von der Schusswaffe gegen Flüchtlinge Gebrauch machen sollten. Dass sich Menschen trauen können, so etwas öffentlich von sich zu geben, zeigt an, wie sich die Mehrheitsmeinung verschiebt. Die Bilder krimineller Asylbewerber der Sylvesternacht  verdrängten die Bilder der ausgezehrten und erschöpften Flüchtlinge, die ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren, um vor Krieg und Terror davonzulaufen. Medial wird diese Verschiebung und Manipulation geschickt gesteuert. Selbst die erfundene Geschichte einer Vergewaltigung eines dreizehnjährigen Mädchens wird noch nach Bekanntwerden als Lügengeschichte bewusst eingesetzt, um Stimmung gegen alle Asylbewerber zu machen und Fremdenhass zu erzeugen.

Wird aus dem „Hosianna“ der überschwänglichen Hilfe des Anfangs jetzt langsam ein „Kreuzige ihn“, d.h. weg mit allen Fremden?

 

Die Situation von millionenfacher Flucht und Vertreibung stellt unsere Welt und unser Land vor eine riesengroße Herausforderung. Wie kann es gelingen, dieser so zu begegnen, dass die Menschenwürde der Flüchtlinge geachtet wird und wir, die Menschen in den reichen Gesellschaften Europas, unsere Menschlichkeit und Würde nicht durch Missachtung der fremden Not verlieren?

Um politische Lösungen muss meiner Meinung nach gerungen und auch gebetet werden. Es wird auch hier mehr als einen richtigen Weg in der Asylpolitik geben. Eines scheint mir aber deutlich zu sein. Wirklich menschliche Lösungen werden nur aus einer wirklich mitmenschlichen Haltung geboren. Aus menschenwürdigen Haltungen  erwachsen menschenwürdige Werte. Aus Werten kann menschenwürdiges Handeln werden, sonst bleibt der Euro der einzige Wert, der Europa verbindet.

Gibt es eine christliche Grundhaltung? Ich glaube nicht, dass wir eine solche Grundhaltung besitzen können, wie einen Gegenstand. Ich glaube aber genauso fest, dass eine solche Grundhaltung, Herzenshaltung, in jedem Menschen heranwachsen kann, der sich von einer Leitfrage bei seinen Lebensentscheidungen, persönlichen und politischen, leiten lässt:

WAS WÜRDE JESUS DAZU SAGEN ?

Passt unser Reden, Denken, Handeln und Planen zu dem, was in Jesu Worten, Denken, Handeln und Planen deutlich wird? Hier sind keine leichten Pauschalantworten zu erwarten.

Mit dieser elementaren Leitfrage im Herzen entsteht aber eine klare Haltung, die in unklaren und haltlosen Zeiten überlebenswichtig ist. In der Bibel wird das „Nachfolge Jesu“ genannt.

Wo diese Frage im Herzen eines Menschen zuhause ist, in diesem Herzen wohnt auch Gott.

 

Jesus spricht: Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert. (Matthäus 10,38)

 

 

 

 

Trost statt „Heile, heile Gänschen“

 

Im Herkunftswörterbuch kann man nach der ursprünglichen Bedeutung unserer Worte und Begriffe forschen. Beim Stichwort „Trost“ findet man da, dass dieses Wort von einem alten Wort für eine „starke und feste Eiche“ abgeleitet wird. Verwandt sind die Worte „treu“ und „vertrauen“. Auch das Wort “Vertrag“ stammt aus der gleichen Wurzel.

Für manche Menschen klingt das Wort Trost nach „heile, heile Gänschen“ und ist etwas für Kleinkinder und Weichlinge. Natürlich brauchen Kinder Trost. Aber benötigen wir Erwachsene nicht auch einen starken Rückhalt, wenn das Leben so richtig an uns zerrt.

Wenn uns der „Boden unter den Füßen weggezogen wird“, was will man dem im Leben dagegensetzen. So gesehen ist die Frage nach einem Trost gar nichts für Weichlinge, sondern eine ganz praktische Lebensfrage.  Dahinter steckt die Frage nach Sicherheiten im Leben. Die ganze Versicherungswirtschaft lebt von unserem Urbedürfnis danach, den kleinen und großen Katastrophen im Leben mit Finanzmitteln entgegenzutreten. Andere suchen Sicherheit in ihrem eigenen Zuhause nach dem Motto: my home is my castle! Für wiederum andere sind  Familie und Freunde diejenigen, auf die man seine Hoffnungen setzt, wenn das Leben einen beutelt. Und alles hat ja auch irgendwie seine Berechtigung. Unsere Hoffnung, an diesen Orten einen festen Boden unter den Füßen zu finden, wenn es darauf ankommt, hat aber wohl auch Grenzen. Im geheimen weiß jeder Mensch, spätestens, wenn es ans eigene Leben und Sterben geht, versagen diese alltäglichen Sicherheiten. Und oft auch schon mitten im Leben. Einen Halt, der nicht von unserer menschlichen Leistungskraft abhängig ist, sondern von dem wir getrost abhängig sein dürfen, das wäre es. Nicht mehr und nicht weniger feiern wir am Weihnachtsfest. Der lebendige Gott, der Schöpfer des ganzen Universums, macht sich so klein, dass er einer von uns Menschen wird. Und sein Name ist Programm. „Jesus“ bedeutet: Gott rettet von Sünde, Tod und Teufel und aller Verzweiflung. Nicht dadurch, dass er es uns die Situationen erspart, in denen uns der „Boden unter den Füßen weggezogen wird. Aber so, dass er uns Menschen festhalten wird, wenn der Boden schwankt. Die Jahreslosung mit dem Versprechen Gottesw: Ich will euch trösten, wie eine Mutter einen tröstet“ bedeutet: Du bist kein Spielball der Launen und Zufälle im Leben. Du bist und bleibst in den Händen Gottes, der bei seinem Namen geschworen hat: Niemand soll dich aus meinen Händen reißen. Dazu ist Jesus geboren, dafür ist er am Kreuz gestorben und Ostern auferstanden. Verlass dich darauf und du wirst nicht verlassen. Trost für das Leben, Trost im Sterben. Einen festeren Halt wird kein Mensch finden.

 

 

 

 

Schnelle Antworten

 

Wenn ich in einer fremden Stadt auf er Suche nach einer Straße bin und einen Ortskundigen frage, erwarte ich eine einfache, schnelle Antwort wie: An der nächsten Kreuzung rechts, dann geradeaus und an der zweiten Ampel links! Ein durchdachter Vortrag über die Stadtentwicklung hilft nicht, wenn jemand nach dem Weg fragt. Es gibt Lebensbereiche, da helfen nur schnelle und einfache Antworten.

Schnelle und einfache Antworten sind aber da, wo sie nicht hingehören, zerstörerisch und vergiften den Verstand, das Herz und das Zusammenleben der Menschen. Im vergangenen Jahr haben ca.210.000 Flüchtlinge in unserem Land Asyl beantragt. Für das Jahr 2016 erwartet der Bundesinnenminister, dass ca. 800.000 Menschen aus den von Krieg, Terror und großer Armut geprägten Ländern der Welt Schutz in Deutschland suchen werden. Diese moderne Völkerwanderung ist eine große Anforderung für das ganze Land, noch für Jahrzehnte. Eine beeindruckende Hilfsbereitschaft lässt sich in Deutschland und auch bei uns im Oberbergischen erkennen. Daneben lassen sich aber auch die schnellen und einfachen Antworten hören, die voll Misstrauen und Ablehnung gegen die Fremden sind. Da kann man hören: „Deutschland ist doch nicht das Sozialamt der ganzen Welt!“ Wussten Sie, dass zurzeit über 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind? Die für dieses Jahr erwarteten Flüchtlinge in Deutschland entsprechen 1,33%  davon.

Immer wieder hört man auch: „Die Fremden nehmen unsere Arbeitsplätze weg!“. Wussten Sie, dass jährlich ca. 400 Tausend Zuwanderer in Deutschland gebraucht werden, damit die Bevölkerungszahl auf dem jetzigen Stand bleibt. Ohne Zuwanderer, die in den normalen Arbeitsprozess finden, sind unsere Altersversorgung und unser Wohlstand gefährdet.

Daneben gibt es Stimmen wie: „Was haben wir mit den Problemen der Fremden zu schaffen. Das Geld für die Flüchtlinge sollte man in Kindergärten und in die Versorgung der Alten in Deutschland investieren!“ Wussten Sie, dass unser momentaner Wohlstand und unsere Arbeitsplätze davon abhängig sind, ob wir deutsche Güter, Waren und Dienstleistungen auf den Märkten der ganzen Welt verkaufen können? Wir sind auf Kunden aus den vielen Ländern dieser Erde angewiesen. Wie kann man da sagen, Fremde gehen uns nichts an? Wussten Sie, dass ein Großteil der Waffen, mit denen man sich in den Kriegs- und Terrorgebieten dieser Welt bekämpft, aus amerikanischer, russischer, chinesischer und europäischer Produktion kommt und irgendwann einmal aus diesen Ländern verkauft wurden und noch werden? Wussten Sie, dass ein deutscher Discounter auf dem Balkan ca. 180 Filialen mit Krediten aus der Entwicklungsförderung eröffnet hat und dort Obst und Gemüse zu Dumpingpreisen verkauft? Die einheimischen Gemüsebauern und Händler können da nicht mehr mithalten. Sie verlieren Arbeit, Einkommen und Auskommen. Wo sollen sie bleiben, um zu überleben?

Wussten Sie, dass Konzerne, die an unseren westlichen Börsen notiert werden und bei denen deutsche Investoren ihr Geld anlegen, große Ackerflächen in Afrika und Asien aufkaufen, um dort industriell Lebensmittel zu produzieren? Die einheimischen Bauern können die Preisen für die Anbauflächen, die die Konzerne zahlen,  nicht aufbringen. Ihnen wird die Lebensgrundlage entzogen. Irgendwann werden sie zu Armutsflüchtlingen. Haben wir wirklich nichts mit den Problemen der Fremden zu tun?

 

Für Christen gibt es noch einen tieferen Grund, warum ihnen das Geschick der Fremden nicht gleichgültig sein kann. Gott selbst hat sich in besonderer Weise mit den Schutzlosen und ihrem Geschick verbunden. Wie könnte es Christen egal sein, was ihrem Schöpfer, Herrn und Heiland am Herzen liegt.

„Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält die Waisen und Witwen und kehrt zurück den Weg der Gottlosen.“ (Psalm 146,9)

„…bessert euer Leben und Wesen, dass ihr recht tut einer gegen den andern und den Fremdlingen, Waisen und Witwen keine Gewalt tut und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort, und folgt nicht nach andern Göttern zu eurem eigenen Schaden: so will ich immer und ewiglich bei euch wohnen an diesem Ort…“ (Jeremia 7,5-7)

„…Gott schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gebe. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland…“ 5.Mose 10,18f

 

Hier wird kein politisches Programm, wohl aber eine Herzenshaltung aus dem Glauben beschrieben, die sich auf den Weg macht. Sie fragt danach, was praktisch nötig ist, um die, die aus bedrohlicher Not für Leib und Leben geflohen sind, ein Leben in der Würde zu ermöglichen, die Gott den Fremdlingen/ Asylsuchenden  schenkt. Dabei gibt es viele Möglichkeiten in unserem Land und wohl auch Grenzen. Bei alledem fragen Christen danach: Was würde Jesus dazu sagen?

Übrigens, Jesus selbst hat mit seinen Eltern das Geschick der Asylsuchenden selbst geteilt (Matthäus 2).